Schrift verkleinern Schrift zurücksetzen Schrift vergröern

Etwas Besinnliches zum Jahreswechsel

Liebe Leserin, lieber Leser,

heute geht das Jahr 2020 zu Ende und die meisten Menschen denken dabei wohl: „Das ist gut so!“ und „Solch ein Jahr brauchen wir nicht noch einmal.“
Das gesellschaftliche und auch das kirchliche Leben wurde in einem Maße umgekrempelt, wie es für uns kaum vorstellbar war. Ursache hierfür waren kein Krieg und keine Naturkatastrophe, sondern ein winziges Virus, das für uns Menschen als lebensbedrohlich sein kann. Und es führt uns mehr als wir wünschen vor Augen, welch sensible und verletzbare Kreaturen wir Menschen doch sind.

Mit Schaudern und Traurigkeit wegen der hohen Infektionszahlen und der vielen Opfer der Corona-Pandemie verlassen wir dieses Jahr. Mit Hoffnung und Optimismus wegen der begonnenen Impfungen blicken wir auf das kommende. Hoffentlich wird sich im Laufe des Jahres die Lage entspannen und ein wenig Normalität in unser Leben – auch in das kirchliche – zurückkehren.

Der heutige 31. Dezember markiert den kalendarischen Übergang. Zum Altjahresabend – wie es im Kirchendeutsch heißt –, also zu Silvester, zum Jahreswechsel ist ein Predigttext vorgeschlagen, der im 2. Buch Mose steht und der uns in wenigen Versen an der Wanderung des Volkes Israel in die Freiheit teilhaben lässt:

"So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht." (2.Mo 13,20-22)

Auch wenn die Situation des aus der Knechtschaft geführten Gottesvolkes auf dem Weg ins gelobte Land eine ganz andere ist als unsere an der Schwelle eines neuen Jahres, so dürfen wir doch wie die Israeliten auf eines vertrauen: auf Gottes Führung und seine Fürsorge. Wie die aussehen kann, möchte ich anhand des Bibeltextes in 3 Punkten vor Augen führen:

1. Der Weg kann durch die Wüste führen
Der Weg durch die Wüste ist hart. Tagsüber wird es unerträglich heiß, nachts bitterkalt. Da gibt es Durststrecken. Die Füße werden immer schwerer. Die Kraft lässt nach. Man weiß nicht, ob man den Weg wirklich schafft.

Solche Wege suchen wir im Leben zu vermeiden. Wir wollen den geraden, den kürzesten Weg. Ohne Umwege. Ohne Wüstenzeiten. Und trotzdem müssen wir solche Wege gehen, werden auf solche Wege geführt – wie das Volk Israel.

Im Laufe seines Lebens erlebt jeder Mensch ‚Wüstenzeiten‘: Zeiten von Krankheit und Entbehrung. Die Konfrontation mit dem Tod. Scheinbare Ausweglosigkeit. Zeiten ohne Hoffnung.

Ein dreiviertel Jahr Wüstenwanderung liegt hinter uns. Eine Zeit fehlender Nähe, mit eingeschränkter Freiheit und der ständigen Angst, an Covid-19 zu erkranken oder andere mit dem Virus anzustecken.

Homeschooling, Kurzarbeit, Existenzängste. Angehörige, die im Krankenhaus nicht besucht werden dürfen, und Trauerfeiern unter Ausschluss der Öffentlichkeit – die letzten Monate haben viele Menschen an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht. Kann man da noch von Führung und Gottes Fürsorge sprechen?

Wir müssen uns von dem Gedanken freimachen, dass der Glaube an Gott uns in die Komfortzonen des Lebens führt. Wüstenzeiten gehören zu unserem Leben als Christinnen und Christen dazu. Da war immer so und das wird auch wohl so bleiben, bis Gott am Ende die Welt neumachen wird. Doch wenn wir an eine Führung Gottes glauben, so vertrauen wir darauf, dass uns alle Dinge zum Besten dienen (Röm 8,28) – selbst in einer Wüste.

2. Auch in der 'Wüste' ist Gott bei uns
Die Wüste ist jedenfalls kein Raum, wo Gottes Führung endet. Im Gegenteil: Hier nimmt sie eine ganz besondere Gestalt an: Als Wolkensäule bei Tage und als Feuersäule in der Nacht ist er bei seinem Volk. Niemals ist er von seiner Seite gewichen, heißt es.

Gott ist nicht nur da, sondern er ist so da, dass es für die Menschen gut ist: als Schatten spendende Wolken in der Hitze des Tages, die einen wieder durchatmen lassen. Und nachts als wärmendes und Licht spendendes Feuer in der bitterkalten und stockfinsteren Wüste.

Das Volk Israel hat nicht nur etwas gesehen, sondern hat die Nähe Gottes bei sich gespürt. Gott war bei ihnen und mit ihnen. Er hat sie geführt. Das ist die Quintessenz dieser Erzählung.

Aber die Führung Gottes muss nicht in spektakulären Ereignissen stattfinden, sondern sie ist oftmals Bestandteil des täglichen Lebens. In den Alltäglichkeiten begegnet uns Gott zumindest öfter als in den Wundern, die in der Zeitung Schlagzeilen machen. Und so wird uns Gott auch im neuen Jahr begegnen, ob Wüstenzeit oder nicht.

3. Führung braucht Nachfolge
„Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“ Gott ist bei seinem Volk. Das ist die eine Seite. Die andere Seite, die hier nicht erwähnt wird, ist für mich ebenso wichtig: Das Volk hält sich an Gott.

Sicherlich wird es in den 40 Jahren der Wanderung viele Male vorkommen, dass das Volk eigene Wege gehen möchte und dies auch manchmal tut. Dass es sich von der Führung Gottes abwendet und sich selbst führen will - meistens in die Irre. Doch davon ist noch keine Rede.

Die Israeliten folgen der Wolken- und Feuersäule ohne eigene Planung und vor allem ohne Absicherung. Die Menschen sind auf Gott geworfen und das reicht ihnen - erst einmal.

Hier werden Glaube und Vertrauen sichtbar. Gerade hier in dieser Aufbruchsituation. Wo sonst jedermann und jede Frau darüber diskutieren, welche Richtung nun einzuschlagen sei, und darüber meistens in Streit kommen, da bewahren die Israeliten Einmütigkeit in der Nachfolge.

An dieser Stelle ist das Volk Israel sicher ein Vorbild für uns. An der Schwelle zum neuen Jahr dürfen wir uns vom ihm zeigen lassen, dass es richtig ist und guttut, wenn man sich an Gott hält und wenn man in der Nachfolge Jesu Christi lebt. Was nützt eine Führung, wenn man nicht geführt werden will?

Wir erwarten das Jahr 2021 und hoffen, dass es in vielerlei Hinsicht besser wird als das zu Ende gehende. Aber wir ahnen auch, dass unsere Wüstenwanderung noch eine Zeit lang weitergehen wird. Dabei sind wir nicht einsam und verlassen, sondern Gott wird bei uns und mit uns sein. Vertrauen wir darauf.

Bei all den Herausforderungen, die vor uns liegen, gibt er uns durch ein Wort Jesu eine Richtschnur, einen Maßstab für unser Handeln mit – die Jahreslosung für das Jahr 2021: „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6,36)

- Peter Thimm