Der Gründonnerstagsgottesdienst in unserer Gemeinde war in diesem Jahr mehr als eine Erinnerung. Er wurde zu einem Weg hinein in jene Nacht, in der Jesus verraten, verlassen und gefangen genommen wurde. Die Kirche lag im Halbdunkel, nur wenige Kerzen brannten. Mit jeder Stimme, die sprach, wurde ein Licht gelöscht – und die Dunkelheit rückte näher.
So entstand ein Raum, in dem wir die Nacht der Jüngerinnen und Jünger nicht nur hörten, sondern mitfühlten.
Der Gottesdienst begann mit einem klassischen liturgischen Teil, der die Gemeinde in die Atmosphäre des letzten Abendmahls hineinführte.
Dabei zeigt sich Jesus in allen gelesenen Texten als der, der uns nährt, verbindet und sich uns schenkt:
Er ist das Brot des Lebens (Joh 6,35), das unseren innersten Hunger stillt.
Er ist der Weinstock (Joh 15,5.7), mit dem wir verbunden bleiben müssen, um Kraft zu schöpfen und Frucht zu bringen.
Und in den Einsetzungsworten (1 Kor 11,23–26) schenkt er sich selbst im Mahl, das wir feiern.
So wird deutlich: Christus ist mitten unter uns – als Nahrung, als Quelle unserer Kraft und als der, der sein Leben für uns hingibt.
Im Anschluss wurde dann das Abendmahl gefeiert. Brot und Wein bzw. Traubensaft wurden ausgeteilt – als Zeichen der Gemeinschaft mit Christus und untereinander.
Die Feier des Abendmahls bildete den Übergang in den zweiten Teil des Gottesdienstes, der die Gemeinde in die Nacht der Gefangennahme Jesu führte.
Mirjam führte als Sprecherin der Jünger durch diese besondere Form der Liturgie. Zehn Jüngerinnen und Jünger traten hervor und teilten ihre Gedanken – jede und jeder mit einer eigenen Geschichte.
Petrus machte den Anfang. Er sprach als Mann der Tat, der Jesus verteidigen wollte und doch immer wieder an ihm vorbeigeredet hat. Sein Geständnis – nicht gewacht zu haben, nicht standhaft gewesen zu sein – ließ die Dunkelheit spürbar näherkommen.
Johannes, der Jüngste, ließ uns seine tiefe Liebe zu Jesus hören. Er bewunderte Jesu Güte, seine Art, Menschen zu sehen. Dass nun Hass und Gewalt über diese Liebe triumphieren sollten, war für ihn kaum auszuhalten. Seine Worte klangen wie ein innerer Aufschrei.
Elisabeth, die Mutter von Johannes dem Täufer, erinnerte an den Trost, den Jesus ihr nach dem Tod ihres Sohnes geschenkt hatte. Nun aber, da Jesus selbst dem Tod ausgeliefert war, schien für sie alle Hoffnung zu zerbrechen. Ihr Licht erlosch – und gleichzeitig scheinbar ein Stück Hoffnung.
Jakobus stellte die großen Fragen an Gott. Warum greift er nicht ein? Warum lässt er das zu? Als seine Kerze gelöscht wurde, lag ein schweres Schweigen über der Gemeinde.
Thomas sprach von seinen Zweifeln und seiner Treue. Er erinnerte daran, wie er bei Jesus blieb, als andere gingen, weil nur Jesus „Worte des ewigen Lebens“ hatte. Auch jetzt wollte er die Hoffnung nicht aufgeben, obwohl er kaum wusste, woran er sich festhalten sollte. Sein Licht flackerte kurz, bevor es verlosch – wie ein Bild seines schwankenden Glaubens.
Shoshana, die junge Frau, die Jesus einst geheilt hatte, erzählte von dem Weg, den Jesus ihr aufgetan hatte. Eigentlich hatte Jesus sie gefunden. Nun fürchtete sie, ohne Jesus den Weg nicht mehr zu finden. Als ihre Kerze erlosch, blieb ein Hauch von Sehnsucht im Raum.
Maria von Magdala sprach von ihrer Befreiung aus der Finsternis. Ihr Wunsch, weiter zu leuchten, stand im Kontrast zur Kerze, die vor ihr gelöscht wurde.
Simon, der Zelot, rang mit Jesu Weg der Gewaltlosigkeit. Er teilte Jesu Vision, aber nicht seinen Weg. In seiner Verzweiflung rief er zum Kampf – aus Angst, erneut Sklave des Unrechts zu werden. Er brachte Unruhe in die Stille. Sein Ruf nach Kampf, nach Widerstand, hallte nach – und doch erlosch auch sein Licht.
Johanna, eine Frau von hohem Rang, erzählte von ihrem Abschied vom Hof des Herodes Antipas. Seit sie Jesus begegnet war, erschien ihr das höfische Leben leer. In ihm hatte sie Wahrheit, Weg und Leben gefunden – Werte, die kein Palast ersetzen konnte. Als ihre Kerze gelöscht wurde, blieb ein Gefühl von Verlust zurück.
Matthäus, der Zöllner, beschloss die Reihe. Er hatte radikal mit seiner Vergangenheit gebrochen. Von vielen verachtet, durfte er durch Jesus dazugehören. Auch jetzt spürte er Jesu Worte in seinem Herzen. Für ihn war klar: Die Hoffnung ist nicht verloren, selbst wenn die Nacht tief ist. Sein Licht erlosch – und die Kirche lag fast vollständig im Dunkel.
Nur eine letzte Kerze brannte noch: die Christuskerze.
Sie blieb stehen, umgeben von Schatten.
In dieser Stille, in diesem Dunkel, wurde die Gefangennahme Jesu nicht nur erzählt, sondern erfahrbar. Wir standen mit den Jüngern in der Nacht. Wir spürten ihre Angst, ihre Fragen, ihre Liebe.
Und doch blieb dieses eine Licht.
Nicht hell. Nicht triumphierend.
Aber da.
So wurde der Gottesdienst zu einem eindrücklichen Zeugnis:
Die Nacht ist real.
Die Dunkelheit ist tief.
Aber das Licht geht niemals aus.
Historischer Hintergrund: Dietrich Bonhoeffer
Die „Nacht der verlöschenden Lichter“ ist inspiriert von Gedanken Dietrich Bonhoeffers.
Bonhoeffer betonte in seinen Schriften und Predigten immer wieder:
- dass der Weg Jesu durch die Dunkelheit hindurchführt,
- dass Nachfolge bedeutet, sich dieser Dunkelheit nicht zu entziehen,
- dass Gott gerade in der scheinbaren Abwesenheit gegenwärtig bleibt.
Bonhoeffer selbst erlebte in der Zeit des Nationalsozialismus, wie Glaube und Hoffnung unter Druck geraten. Seine Texte sprechen davon, dass Christen die Nacht nicht überspringen können, sondern sie bewusst durchschreiten müssen – im Vertrauen darauf, dass Gott auch im Dunkel wirkt.
Die Liturgie der verlöschenden Lichter greift diese Gedanken auf:
Sie zeigt, wie das Licht schwindet, aber nicht verschwindet.
Sie macht erfahrbar, dass Glaube nicht immer Gewissheit bedeutet, sondern oft ein Aushalten und Weitergehen im Vertrauen.
